Myott und Art Pottery in Staffordshire
Marcell und Rosemarie Goldscheider beschließen nach England zu
emigrieren und verlassen Anfang 1939, gemeinsam mit Tochter Inge,
Österreich. In den Manufakturen in Staffordshire, die Marcel aus
seiner Ausbildungszeit kennt, sehen sie die Möglichkeit, weiterhin auf
hohem Niveau keramische Modelle produzieren zu können.
In der Manufaktur Myott, Son & Co. findet Marcell 1940 Unterstützung.
Die Brüder Myott stellen ihm für eine eigenständige Modelllinie
Produktionsräume auf ihrem Fabrikgelände, den Alexander Potteries in
Hanley, einem Vorort von Stoke-on-Trent, zur Verfügung. Die
Modellpalette besteht im Jahr 1941 aus Figuren, Tierskulpturen,
Lampen, Wandmasken und Dekorationsobjekten für Ess- und Schreibtische.
Alle hergestellten Objekte sind für den Export bestimmt, die
figürliche Keramik insbesondere für den amerikanischen Markt. Unter
den Wandmasken befinden sich einige aus Österreich stammende Modelle
im Stil Rudolf Knörleins, sowie beispielsweise eine neue Wandmaske von
Winston Churchill. Auch Kerzenleuchter und eine Zigarettenbox mit dem
Relief eines Frauengesichts sind im Sortiment. Ende 1942 umfasst das
Sortiment bereits 300 Modelle und über 600 Muster. Die Figuren sind
aus dem Bereich der Groteske, Geschichte und Religion und werden
sowohl in farbreicher Dekoration verkauft wie auch in weiß, matt oder
hellen Farben, um ein preiswerteres Segment abzudecken.
Nach wenigen Jahren ist Marcels Arbeit sowohl in Nord- und Südamerika
wie auch auf dem britischen Markt angesehen und wie die Pottery
Gazette im Januar 1945 schreibt, sind die Figuren von "großartiger
technischer Kühnheit". Ein Set von Figuren unter dem Namen "Cries of
Old London" zeigt beispielsweise verschiedene Damen bei diversen
Tätigkeiten in der Kleidung des Viktorianismus, die in einer neuen
Colorierungstechnik entstanden sind. Andere Modelle zeigen prominente,
meist historische Persönlichkeiten, Vasen mit erhaben
herausgearbeiteten Reliefs, Schüsseln für Früchte oder Salate sowie
Krüge und Tassen – alle Hand bemalt.
Viele der bei Marcel beschäftigten Facharbeiter kommen von der
Stoke-on-Trent Art School und werden von ihm im Bereich der
Modellierung, der Abformtechniken und Dekorierung weiter gebildet.
Auch in England verfolgt Marcel das Ziel, die schöpferische
Individualität des Künstlers mit einem umfassenden, fachmännischen
Wissen der Herstellung zu verbinden und den Künstler in die
vielfältigen Produktionsstufen einzubeziehen.
Im Jahr 1949 umfasst das Sortiment 750 Modelle und Marcel stellt neben
der seit längerem besuchten British Industry Fair (B.I.F.) auch auf
der Messe in Kopenhagen aus. Außer der Produktion bei Myott entwirft
Marcel in dieser Zeit auch selbst Modelle, die in seinem privaten
Studio in Newcastle entstehen.
Am 24. August 1949 wird die Myott Fabrik von einem Feuer zerstört.
Beim Wiederaufbau der Fabrik beschließen die Myott Besitzer, dass der
Bereich der figurativen und künstlerischen Keramik nicht fortgesetzt
werden soll und man sich nur noch auf die Produktion der weltweit
populären Geschirrservices von Myott konzentrieren will.
Goldscheider Art Pottery in Hanley, Stoke-On-Trent
Im September 1950 wird daher in der englischen Fachzeitschrift „The Pottery and Glass
Trade Review“ bekannt gegeben, dass Marcel Goldscheider nach
zehnjähriger Zusammenarbeit von nun an allein die Produktion in seinem
Studio in Newcastle bestreitet. Ab Dezember 1950 bezieht Marcel neue
Räumlichkeiten in Hanley, Stoke-On-Trent.
Marcel, dessen Firma "Goldscheider Art Pottery" heißt, macht auch mit einer neuen
Modellreihe auf sich aufmerksam. Berühmte Gebäude wie die "St. Paul’s
Cathedral", "Windsor Castle", "Tower of London" und "Tower Bridge"
sowie der von Charles Dickens beschriebene "Old Curiosity Shop" sollen
im Rahmen von Festlichkeiten oder allgemein als Souvenirs verkauft
werden. Marcel weist darauf hin, dass diese Objekte nicht nur
dekorativ, sondern auch "nützlich" seien, da sie teilweise als
Tabakdosen, Fruchtbehälter oder Schmuckkästchen eingesetzt werden
können. Nach Geschichten von Charles Dickens entstehen auch mehrere
Figuren.
Im Juni 1953 wird eine Umfirmierung bekannt gegeben und die Firma als
Goldscheider (Staffordshire) Pottery, Ltd. registriert. Marcel
exportiert seine "earthenware" und "bone china" Modelle weltweit und
stellt in Schauräumen in London, Stockholm, Wellington, Montevideo,
Paris, Toronto und Sydney aus. In Paris sind die Schauräume in der Rue
de Paradis, der Straße, in der seine Familie jahrzehntelang mit einer
Bronzefabrik ansässig war. Ihn vertretende Agenten sind auch in Hong
Kong, Venezuela oder Kuba zu finden, wo er von Ernesto Samson
vertreten wird, der schon vor dem Krieg sowohl die Modelle für Marcel
wie auch Walter repräsentiert hat.
Mitte der 50er Jahre ist die keramische Industrie in einer Krise.
Billige Kopien aus Japan und anderen Ländern erobern den Markt, die
Exportumsätze gehen zurück und auch die Erzeugnisse aus Plastik werden
als Bedrohung betrachtet. Der Markt wird als stagnierend bezeichnet,
wegen der erhöhten Steuern leidet vor allem der Absatz von Bone China
Figuren. Die Teilnahme auf Messen reduziert Marcel in dieser
schwierigen Zeit wahrscheinlich auch altersbedingt, denn mit fast 70
Jahren ist er des Reisens zu müde. Marcel Goldscheider stirbt am 23.
April 1964 in Worthing (Sussex), an der Südküste Englands.
>> Weiter zu Goldscheider West Germany...